Für die Katz -
Ein erfundener Tag im Leben des Schriftstellers Robert Walser
 

literarisch - musikalisches Kabinettstück

 
Foto Andreas Krämer
Foto Andreas Krämer
 

Einzig eine 1993 enthüllte Gedenktafel in der Kaiser-Friedrich-Straße 70 erinnert an den Aufenthalt Robert Walsers von 1905-1913 als freier Schriftsteller in Berlin: „In dem Vorgängerbau dieses Hauses lebten im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts die Brüder Karl Walser, bedeutender Buchillustrator und Robert Walser, wegweisender Schriftsteller der Moderne“.
Dabei verdankt die Stadt Berlin Robert Walser einige ihrer lebendigsten Schilderungen. So wird der Schriftsteller auf einem nächtlichen Gang Zeuge eines Hausbrandes: "Ein dichter, scheinbar unaufhörlicher Sprühregen von kleinen, leichten Glutstücken fliegt aus der dunklen Luft in die menschenerfüllte Straße hinunter und besät den Erdboden mit glühendem Schnee. In diesem Moment rollt der Stadtbahnzug vorüber; auch er wird von diesem sonderbaren Schnee bedeckt. Menschen stehen da, die unvorsichtigerweise in die rotbetupfte Höhe schauen, ohne zu bedenken, daß ihnen ein glühender, siedend heißer Schneeflocken ins Auge fallen kann…" Man glaubt sich an der Seite des Autors unter den Schaulustigen zu drängen, bis der banale Appetit auf ein hübsches Abendessen über die Lust am Katastrophenschauspiel triumphiert.
Von einer "zumindest scheinbar, völlig absichtslosen und dennoch anziehenden und bannenden Sprachverwilderung. Von einem Sichgehenlassen dazu, das alle Formen von der Grazie bis zur Bitternis aufweist" schrieb Walter Benjamin 1929 über Robert Walser, im selben Jahr also, in dem der Schweizer Dichter sich endgültig aus der "normalen" Welt verabschiedete, um den Rest seines 78 Jahre währenden Lebens - immerhin noch 27 Jahre bis zu seinem merkwürdigen Tod im Schnee Weihnachten 1956 - in psychiatrischen Anstalten zu verbringen. "Seltsamkeitsstil" nannte Robert Walser selbst seine Schreibform.
Ihre musikalische Struktur haben viele wissenschaftliche Interpreten hervorgehoben. Genau darauf setzt die von dem Berliner Autor und Regisseur Boris Pfeiffer zusammengestellte, kluge und witzige Performance "Für die Katz“, mit der jetzt der Schweizer Schauspieler und Musiker Andreas Krämer, der unter anderem am Schauspielhaus Hamburg, in Wuppertal, Basel und Zürich engagiert war im Hackeschen Hoftheater gastiert. Nachlesbar ist der Monolog im wohl gestalteten Programmheft, herausgeben von Peter Brunner, Leiter des freien Züricher "sogar theater", an dem „Für die Katz“ vor anderthalb Jahren Premieren hatte und seitdem erfolgreich durch die Schweiz und Deutschland tourt. Erst kürzlich ist das Stück zum internationalen Theaterfestival in Kiew 2005 eingeladen worden.
Es sind zu einem starken Bogen zusammengefügte Bruchstücke aus dem "Bleistiftgebiet", diesen 1924/25 in fast wie eine Geheimschrift wirkenden winzigsten Lettern verfassten "Mikrogrammen", Sätze aus den bekannten Romanen wie "Geschwister Tanner" und "Jakob von Gunten", Notizen aus den Feuilletons, Briefen und Beobachtungen vom Rand der zufälligen Wahrnehmung. An diesem «erfundenen Tag im Leben des Schriftstellers Robert Walser» (er)findet sich eine Figur aus ihren Texten zwischen Liebessehnsucht und Lästerzunge, Triebverzicht und Todesahnung, Bratkartoffeln und Bürgerlichkeit. Boris Pfeiffers zielgerichteter Gestus und Andreas Krämers extravertierte Introvertiertheit in der Suche nach dem verstummenden Walser sind von berührendem Gewinn für einen Versuch, der eigentlich auf der Hand liegt: verstreute Textfragmente zu einem Bühnentext zusammenzufassen. Walsers erste berufliche Ambition war es, Schauspieler zu werden, theatralische Elemente spielen in allen seinen Texten, insbesondere den Mikrogrammen, eine wichtige Rolle.
Der Schauspieler und Musiker Andreas Krämer macht daraus nachdenklich komische Wortspiele, horcht in die Metaphern hinein und bringt ihre Absurditäten zum Leuchten und Klingen. "Ich schreibe in stiller Mitternacht, und ich schreibe für die Katz, will sagen für den Tagesgebrauch. Die Katz ist eine Art Fabrik oder Industrieetablissement, für das die Schriftsteller täglich, ja vielleicht sogar stündlich treulich und emsig arbeiten oder abliefern."
Seine poröse Verlassenheit teilt er mit einem Klavier, das seine Eingeweide preisgibt und an beiden Seiten seltsame Flügel aus Holz- und Metallstäben trägt, die mit einem Kontrabassbogen zu schrägen Tönen gereizt werden. Bis ins Innerste des Klangkörpers horchen will er, und eigene Töne finden, seine Antwort auf „die Meisterwerke der Kunst oder die Taten, die über das Summen, Brummen, Sausen, brausen des Tages hinausragen.“ Ein Blaseblag lässt die Klaviersaiten windig erbeben, ein Alphorn wird auseinandergeschraubt und mit verschiedenen Mundstücken bedient, ein verbogener Löffel wird zur Augenklappe und mit einer Gabel zum Rhythmusinstrument. Alles wird dem Dichter Ton – korrekter Ton, weil's sein soll, Störgeräusch, weil's sein muss: Unliebliches Aufbegehren, aufmüpfige Deklamation. Ein eigenes Walser-Weltreich.
Krämer bewegt sich auf seinen klobigen Bergschuhen mit merkwürdig paradoxer Leichtigkeit durch die skurrile Installation wie einer, der längst aus der Zeit gefallen ist. In seinem absurd-komischen Rollenspiel erinnert er einen irgendwie an den jungen Emil Steinberger. Aber auf einer ganz anderen, sehr viel ernsthafteren Ebene, wo die Karikatur des Schweizerischen nicht einfach ein Lacherfolg, sondern die Exemplifizierung des Grotesken anhand eines authentisch verifizierbaren Menschentyps ist. Grazie und Bitternis im alltäglich Banalen werden bei seiner Wanderung durch Walsers Kopf zu einem einzigen großen dramatischen Aphorismus.
"Er nicht als er" hieß Elfriede Jelineks 1998 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführte österreichische Theater-Hommage an Robert Walser. Er durchaus als er, aber als sich selbst fremd gewordenes, zerbrechliches Ich zeigt diese hinreißend spielerische Annäherung von Boris Pfeiffer und Andreas Krämer.

Eine Pfeiffkräm Produktion mit dem „sogar theater“, Zürich

Unterstützt von Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung

 

 
 
© bei den Autorenm


Philomimos e.V. · Franz-Jacob-Str. 2b · 10369 Berlin · Tel./Fax: (030) 283 25 87

hackhof @ gmx.de

Gestaltung und Aktualisierungen: © 2003-2017 • Andreas Rohde